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Kompensation und ephemer-fragiles Selbst:
Eine individualpsychologische Analyse
ULRICH KROPIUNIGG
In: Zeitschrift für Individualpsychologie, 24.Jg., S. 186 - 202 (1999)
Copyright: Ernst Reinhardt Verlag München Basel
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages)
Compensation
and Ephemeral-Fragile Self:
Die Alzheimer-Krankheit umfasst über 50%
der Demenzen. Ihre biologischen Ursachen sind ungeklärt und ihre genetische Komponente liegt mit Sicherheit deutlich
unter 10%. Dennoch gilt sie als "körperliche Erkrankung" und findet dementsprechend viel Aufmerksamkeit in
der naturwissenschaftlichen Forschung. Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf empirische Daten, die in einer Studie an
140 Patienten, davon 50 Alzheimer-Kranke erhoben wurden. Es handelt sich um eine Fallkontrollstudie mit dem Schwerpunkt auf biographischen Daten. In dieser Arbeit unternehme ich den Versuch, die
Daten in einen individualpsychologischen Kontext zu stellen. Die Biographie der Alzheimer-Patienten verweist auf eine
lebenslange falsche Kompensation in den Bereichen Arbeit und Familie. Darüber hinaus erreichen sie lediglich ein
ephemer-fragiles Selbst, das sie mittels ihrer Kompensationen herausbilden. Es wird deutlich, dass sie vermutlich in
zwei zentralen Dimensionen, dem Sein und dem Handeln, irritiert sind.
1. Einleitung
Von den Demenzerkrankungen ist die
Alzheimer-Krankheit die größte Gruppe (Übersicht in Bauer 1994) Obwohl um die Jahrhundertwende erstmals beschrieben
(Alzheimer 1907), gibt es bis heute weder eine befriedigende Erklärung für ihre Ursachen noch befriedigende Mittel zu
ihrer Heilung. Mit dem Anwachsen des Alterssegmentes in unserer Gesellschaft steigt auch ihre epidemiologische Dichte.
Liegt die Erkrankungswahrscheinlichkeit im Alter von rund 65 Jahren bei ca. 5%, so erhöht sie sich bei den über
80-jährigen auf über 25%.
Ausgehend von morphologischen
Veränderungen im Gehirn von Alzheimer-Kranken hat sich die Forschung hauptsächlich auf biologische Fragestellungen
konzentriert. Man sucht nach toxischen, genetischen und molekularbiologischen Ursachen (Übersicht in Bauer, Hüll und
Berger 1995), während psychogenetische Ansätze nahezu gänzlich fehlen. Obwohl die Beweisführung bei letzteren
äußerst schwierig und methodisch oft problematisch ist, sollte sie trotzdem nicht vernachlässigt werden. Dies um so
mehr, als auch vorwiegend biologisch arbeitende Forscher dem Faktor Psyche im Krankheitsgeschehen eine überragende
Bedeutung zumessen, allerdings auf die übergroßen Hindernisse hinweisen, solche Zusammenhänge zu beweisen (Felten
1991).
Die wenigen Studien, die sich explizit mit
psychischen Aspekten befassen, fallen in zwei Kategorien. Ein Teil verfolgt einen somatopsychischen Ansatz und bezieht
sich deshalb auf Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen nach dem manifesten Ausbruch der Erkrankung
(Haupt und Kurz 1990), ein anderer umfasst retrospektive Fallkontrollstudien. Trotz zahlenmäßig geringer
Berücksichtigung unter einer Vielfalt von nicht-psychischen Risikofaktoren (vgl. Amaducci et al. 1986), waren
psychische Variablen relativ häufig mit einem deutlichen Risiko für die Alzheimer-Krankheit verknüpft. Die
Ergebnisse sind allerdings schwierig zu interpretieren, da die einzelnen Items nur ungenau definiert wurden und daher
einen erheblichen Interpretationsspielraum zulassen. So sind "Behandlung wegen Depression" (Speck et al.
1995), "psychological breakdown" (Henderson et al. 1992) und "personal history of depression" (Shalat
et al. 1987) als Kategorien zu oberflächlich, um eine genauere Vorstellung von der dahinter stehenden Psychodynamik zu
bekommen. Dieses Manko vermied eine Forschergruppe in Freiburg im Breisgau. Völlig unabhängig, aber zeitgleich zu
unserer Wiener Untersuchung (Kropiunigg et al. im Druck) haben Bauer und Mitarbeiter (1995 b) eine biographische
Analyse vorgenommen. Ein Großteil der Ergebnisse ihrer Untersuchung sind mit unseren nahezu identisch. Ich komme
darauf noch eingehend zurück.
Diese Koinzidenz überrascht nicht. In den
letzten Jahren sind gerade aus der psychobiologischen Forschung wichtige Hinweise auf ein psychozoziales
Stressgeschehen gekommen (Meaney 1988, Sapolsky 1993, McEwen und Sapolsky 1995). Bestimmte Formen der sozialen
Belastung (restraint stress, subordination) bzw. Zuwendung (handling) sind geeignet, die psychophysiologischen Prozesse
der Stressregulation, in die auch der Hippokampus eingebunden ist, zumindest bei Tieren nachhaltig zu beeinflussen.
Beim Menschen könnte die Alzheimer-Krankheit durch den "psycho-nahen Immunbotenstoff Interleukin 6" (Hüll
et al.1996) - letztlich also über stressvermittelte Vorgänge - verursacht werden. Ebenfalls beim Menschen wurden bei
Störungen durch posttraumatischen Stress Volumensverkleinerungen des Hippokampus mittels MRI gefunden (Gurvits et al.
1996).
Das lässt einerseits den Schluss zu, dass
extremer Stress wahrscheinlich jedes Gehirn angreift, umgekehrt ein kleines Volumen, somit eine geringere Anzahl an
Glukokortikoidrezeptoren, zu einer schlechteren Stressregulation disponiert. Dies sind Ergebnisse, auf die bereits
DeLeon (1988) hingewiesen hat. Da die genannten Arbeiten nur allgemeine Schlüsse auf ein stresshaftes Leben zulassen,
wählten wir eine biographische Analyse, um die subjektive Wirklichkeit und den Lebensstil dieser Patienten umfassender
zu beschreiben und vergleichbar zu machen. Wir erfassten unsere Daten mit individualpsychologischen Kategorien. Eine
Lebensstilanalyse schien uns insbesondere deshalb geeignet, weil sie eher die gemeinsame Dynamik von Ereignissen
enthüllt, die sonst hinter unwesentlichen Verschiedenheiten verschwindet. Nachdem die empirischen Ergebnisse bereits
vorliegen (Kropiunigg et al. im Druck), soll in der vorliegenden Arbeit eine über die bei statistischen Analysen
üblichen Beschränkungen hinausgehende individualpsychologische Interpretation vorgenommen werden. Allerdings bringt
uns das in ein ethisches Dilemma. Solange wir beispielsweise mit genetischen oder offensichtlichen Verhaltensursachen
wie dem (mittlerweile geächteten) Rauchen befasst sind, ist die Problemlage (relativ) unkompliziert. Werden aber
Individuen in einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang gestellt, und zwar im Sinne einer Verantwortlichkeit, dann kommt es
zum Widerstand, der eher von unbewussten Motiven als von methodischen Regeln geleitet wird. Obwohl wir ganz offen
psychosozialen Stress im Tier- wie im Humanexperiment anerkennen, will sich letztlich niemand als Verursacher
identifizieren lassen - sei es für sich oder an anderen. Deshalb sind die Ergebnisse unter keinen Umständen als
Schuldzuweisungen zu verstehen, sie entlassen einen aber auch nicht aus einer gewissen Selbstverantwortung.
Beide Gruppen wurden vor dem
Interviewtermin telefonisch oder an der Klinik kontaktiert und um Mitarbeit an einer Studie über "Biographie und
Gedächtnis" gebeten. Die eigentliche Befragung, zu der im Falle der Alzheimer-Kranken immer ein naher
Angehöriger (meist der Ehepartner) zugezogen wurde, fand in zwei Abschnitten statt: zunächst wurde ein
Sozialfragebogen verbal vorgegeben und die Antworten vom Interviewer eingetragen, dann folgte ein Tiefeninterview, in
dem fünf zentrale Bereiche angesprochen wurden: Kindheit und Erziehung, Schule, Arbeit, Partnerschaft und einige
illustrierende Bereiche des Lebensstils, wie Mottos, Kindheitserinnerungen und Zukunftspläne. Die durchschnittliche
Dauer der Interviews betrug 90 Minuten.
Die Antworten wurden in ein eigenes
Protokoll von ca. 300 Worten übertragen und im Rahmen eines Evaluationsverfahrens mittels einer Risikoliste in den
folgenden 12 Kategorien bewertet: qualitatives und quantitatives Engagement für Beruf, Familie und Freizeit, das
Ausmaß an emotionaler Vernachlässigung und fehlender Förderung durch die Eltern, der Arbeitsstil, Beschäftigung im
Wunschberuf, das Selbstvertrauen und die Dominanzverteilung in der Ehe bzw. Partnerschaft. Die näheren Umschreibungen
und Definitionen der einzelnen Kategorien sind in Tabelle 1 zu finden.
Insgesamt wurden zwölf Hypothesen
gebildet. Zwei Hypothesen betreffend das Item Freizeitgestaltung enthielten zu wenig Nennungen, so dass sie aus der
Risikoberechnung herausgenommen wurden und nicht weiter kommentiert werden. Sie sind jedoch sowohl in der
Itembeschreibung der Tabelle 1 und im Vergleichstest der Abbildung 1 angeführt. Von den verbleibenden zehn Hypothesen
betreffend die Risikovariablen erwiesen sich in der univariaten logistischen Regression (Cox 1970) sechs als
signifikant. Die einzelnen Risikofaktoren sollen hier nur kurz aufgelistet werden (siehe auch Abb. 1) und dann in der
Interpretation ausführlicher gewürdigt werden (für eine detaillierte Darstellung siehe Kropiunigg et al. in Druck).
Ein aktiv-unproduktiver Arbeitsstil ist mit
einem vierfachen Risiko belegt. Mit einem dominanten Partner zu leben, erhöht das Risiko um mehr als das Doppelte.
Eine Tendenz zum erhöhten Risiko bringt eine quantitative Ausrichtung auf die Arbeit mit sich. Ein ausgeprägtes
Selbstwertgefühl reduziert das Risiko um nahezu 90 Prozent, im Wunschberuf zu arbeiten um nahezu zwei Drittel. Jeweils
halbiert wird das Risiko von den Faktoren qualitative Orientierung in der Arbeit und qualitative Orientierung in der
Familie. Die Faktoren quantitative Familienorientierung, emotionale Vernachlässigung durch die Eltern und fehlende
Unterstützung durch die Eltern bleiben ohne Signifikanz.
3. Interpretation der Ergebnisse
Jede empirische Analyse ergibt zunächst
ein Skelett an Aussagen. Dahinter verbirgt sich meist eine komplexe Theorie, die dann aber nicht mehr erwähnt wird.
Ich möchte nun dazu übergehen, die sehr reduzierten Aussagen der linearen Regression wieder in einen größeren
Rahmen zurückzustellen. Meine Ausführungen sind der Versuch, unsere empirischen Befunde, die ein vergleichsweise
auffälliges und defizitäres psychologisches Profil bei Alzheimer-Kranken zeigen, aus einer individualpsychologischen
Perspektive zu beleuchten. Zur Illustration werde ich mich daher einzelner Aussagen aus den Interviews bedienen. Die
Daten verweisen auf chronisch falsche Kompensation. Sie lassen den Schluss zu, dass später an Alzheimer erkrankte
Personen Opfer eines falschen Copings in Familie und Arbeit wurden und dass sie ferner Störungen in zwei
Grundbereichen der Objektbeziehungen, dem Sein und dem Tun/Handeln (Erlich und Blatt 1990) aufweisen. Um diese
herauszuarbeiten, gehe ich schrittweise entlang der lebensgeschichtlichen Zeitachse.
Kompensation gehört zu den wichtigsten und
unverzichtbarsten Kategorien, um individuelles Verhalten gegenüber gesellschaftlicher Wirklichkeit zu beschreiben (Zur
Entwicklung des Begriffes bei Alfred Adler siehe Lattmann und Wuchterl (1992)). Kompensatorisches Verhalten ist in
seinen Wirkungen immer entweder erfolgreich, fehlgeleitet oder ineffizient, oft sogar pathologisch. Was jemand für
zentral im kompensatorischen Verhalten erachtet, ist zu allererst das Ergebnis gescheiterter Reaktionen auf innere und
äußere Anforderungen (wobei natürlich auch erfolgreiche Kompensationen verstärkend wirken können). Kompensation
kann daher als Spiegelbild gefühlter Defizite aufgefasst werden. Niemand kann dieser Auseinandersetzung, in der man
zugleich Akteur und Opfer ist, ausweichen, doch sind ihre Bedingungen durch die Entwicklung und Erziehung weitgehend
vorgeformt. Im Verlaufe des Lebens kommen aber immer neue gesellschaftliche Situationen, Erwartungen und kumulierte
Erfahrungen dazu. So bildet sich ein individuelles Selbst heraus, mit dem auf einzigartige Weise auf Anforderungen der
Gesellschaft mehr oder weniger erfolgreich reagiert wird. Eine Mischung aus Mikrocoping (wie man den Alltag bewältigt
und Makrocoping (wie man auf die Fragen des Lebens reagiert) ermöglicht einen entweder belastenden oder angemessenen
Lebensstil. Es ist klar, dass falsche Kompensationen (mangelhaftes Coping) zu psychischem Stress führen kann. Weit
mehr noch könnten lebenslange, eindimensionale Kompensationsversuche in chronischen Stress münden, der im Sinne einer
psychosomatischen Erkrankung Funktions- und Substrat-Störungen - in
diesem Fall des Gehirns - bewirkt. Damit liegt aber auch ein Teil der therapeutischen Hoffnungen in einer Korrektur
kompensatorischen Verhaltens, wobei dies freilich ein extrem schwieriges Unterfangen darstellen dürfte.
Die wissenschaftlich fundierte Annahme,
dass Faktoren der frühen Kindheit einen entscheidenden Einfluss auf das Stressmanagement haben können, ließ sich mit
den Daten unserer Alzheimer-Kranken nicht belegen (aber auch nicht widerlegen). Mangelnde Unterstützung durch die
Eltern (gefördert vs. unterdrückt) und ein emotional vernachlässigendes Elternhaus (angenommen vs. abgelehnt) wurden
als Risikofaktoren nicht bestätigt. Die Patienten - bzw. ihre Angehörigen - berichteten zwar von einigermaßen
bedrückenden Ereignissen (ein Patient war von seinem Vater, bei dem seine Mutter in einem Dienstverhältnis stand und
obwohl alle davon wussten, nie als legitimer Sohn anerkannt worden), aber das traf auch auf die Kontrollgruppe der
chirurgischen Patienten zu . Ein vergleichbares Beispiel aus der Kontrollgruppe klingt nicht weniger dramatisch: für
die illegitime Tochter einer Magd und dem Bauern, die mit fünfzehn anderen Kindern im Haus der Großmutter
mütterlicherseits leben muss, beginnt erst mit dem dritten Stiefvater ein für sie einigermaßen freudvolles Leben.
Was deshalb den Unterschied ausmachen und
zu so unterschiedlichem Lebensverlauf und Risiko hinsichtlich der Alzheimer-Krankheit führen könnte, lässt sich hier
nicht beantworten. Wir sind auf Vermutungen angewiesen. Den wahrscheinlichsten Mechanismus hat Adler als einen
psychischen Vorgang beschrieben: "Die leitende Fiktion ist demnach ursprünglich das Mittel, ein Kunstgriff, durch
den sich das Kind seines Minderwertigkeitsgefühls zu entledigen sucht. Sie leitet die Kompensation ein und steht im
Dienste der Sicherungstendenz" (Adler 1972: 68). Als Ergebnis seines Minderwertigkeitsgefühls strebt das eine
Kind sehr entschlossen auf ein kompensatorisches Überlegenheitsgefühl zu, das andere entwickelt unter vergleichbaren
Umständen einen realistischen Zugang zur Wirklichkeit und wählt seinem Ziel angemessene Handlungen. Der Grund könnte
z.B. in der Erziehung liegen, jedoch lässt der Faktor "gefördert" keine Hinweise auf ein unterschiedliches
elterliches Verhalten zu. Ich muss die Frage früher Traumatisierungungen daher offen lassen und auf spätere
Untersuchungen verschieben.
3.2 Welche
Rolle spielt der Beruf
Ein erstes deutliches Muster, das auf eine
kompensatorische Dynamik schließen lässt, zeigt sich in der Berufswahl. In der Gruppe der Alzheimer-Kranken waren
weit mehr Idealisierungen und höhere persönliche Ansprüche an den zukünftigen Beruf vertreten als in der
Kontrollgruppe. Es lag etwas Gewolltes darin. Unsere Hypothese vom verfehlten Wunschberuf wurde jedenfalls bestätigt.
Sie hatten einen anspruchsvollen Beruf im Auge, den sie aus verschiedenen Gründen nicht erreichten, beendeten ihre
berufliche Laufbahn aber in vergleichsweise einfachen Beschäftigungen. Nicht nur hatten sie ihren Traumberuf nicht
erreicht, sie waren fallweise auch noch gegenüber dem tatsächlich ausgeübten ins Hintertreffen geraten. Der Fall des
"verkannten Genies" illustriert dies vielleicht am besten: nach einer Fachausbildung mit Matura ist ihm der
Universitätszugang aus finanziellen Gründen versperrt. Im 2. Weltkrieg ist er bei der Luftwaffe und erlangt eine
gewisse Selbstzufriedenheit aus der etwas überheblichen Haltung, jene Probleme und Fehler zu entdecken, die andere
dann zu lösen haben (eine offensichtliche Sicherungstendenz, indem er sich auf eine theoretische Position zurückzieht
und der Praxis ausweicht). Nach dem Krieg ist er zunächst beim staatlichen Rundfunk, wechselt zu einer Privatfirma, wo
er - als eine internationale Firma die Geschäftsleitung übernimmt - sofort in einen minderen Verantwortungsbereich
versetzt wird. Er kündigt und beginnt als Selbständiger einen Elektrogerätehandel. Bald jedoch überrollt ihn der
technologische Fortschritt und zwingt ihn in den Bankrott. Am Ende seiner beruflichen Laufbahn findet er sich - ohne
jegliches subjektives Ansehen - als Berater für Haushaltsgeräte wieder.
An diesem Beispiel wird zweierlei deutlich:
zum einen der angespannte Wunsch nach "Höherem" (er war kurzfristig mit einer französischen Gräfin
verheiratet, zuletzt mit einer Verkaufskraft aus einem Zeitungskiosk, von ihm im Interview mehrfach als
"Buchhandlung" bezeichnet), zum anderen die lebenslange Korrektur durch die Realität. Die Anspannung, die
sich auch in den anderen Biographien von Alzheimer-Patienten zeigt, liegt darin, nicht aufzugeben, aber auch nicht
flexibel zu reagieren. Das fiktive Ziel bleibt, weil unbewusst, ständig aufrecht. (Wir werden sehen, dass dies
kompensatorisch durch eine Verschiebung von Qualität in Quantität erfolgt.) Dieses Ziel muss nicht real , d.h. in der
Zukunft erfüllbar sein, sondern kann auch in einer rückwärts gewandten Phantasie ausgelebt werden - wie in dem Fall
einer Hausfrau, die bei ihrer Schwiegermutter lebt und noch immer von Jahrzehnte zurückliegenden Zeiten träumt, als
sie (trotz fehlender Ausbildung) eine beliebte Lehrerin war. Es kann sich aber auch durch Bereitwilligkeit und
Unterwerfung zeigen. Dies trifft auf einen einst erfolgreichen Kaufmann zu, dem politische Umwälzungen die Grundlagen
seiner Existenz raubten und der von seiner sehr bestimmenden Frau "gezwungen" wird, den Haushalt zu führen.
Während sie in relativ späten Jahren noch eine erfolgreiche Karriere startet, ist sein "Funktionsbereich"
plötzlich auf das Haus und die Betreuung eines chronisch kranken Familienmitgliedes beschränkt. Ob das zur
Alzheimer-Krankheit führt, ist fraglich, dass es ganz allgemein mit psychosomatischen Beschwerden assoziiert ist, ist
zumindest belegt. In der Beschreibung der "psychosozialen Anpassung des Aufsteigers" (Streeck 1981: 37f.)
kommt jedenfalls ein ähnliches Muster, Mitursache für vielfältige körperliche Beschwerden, deutlich zum Vorschein.
"Das gemeinsame Verhaltensmuster liegt in dem Wechsel von Bestrebungen nach beruflichem Erfolg, Ansehen und
Prestige und einem 'Schritt zurück' per Übernahme weniger qualifizierter Tätigkeiten sowie in der Verknüpfung
dieser Bestrebungen mit einer ausgeprägten Zuwendung zu weniger Privilegierten und Erfolglosen, die nicht freiwillig
gewählt wird, sondern den Charakter einer unabdingbaren Forderung hat" (Streeck 1981: 38).
3.3 Quantität
versus Qualität
Wenn später an Alzheimer erkrankende
Personen ihre angestrebten Ziele oder substantielle Grundlagen für ihre Lebensgestaltung verlieren, dann dürften sie,
wie die Individualpsychologie es hervorstreicht, mit kompensatorischem Verhalten reagieren. Grundsätzlich wird jedes
bedeutsame und vor allem krisenhafte Ereignis in diesem Sinne zu bewältigen versucht. Wie wir herausfanden, äußert
sich dies auch im Rahmen der Lebensaufgaben. Von den drei von uns definierten Arbeitshaltungen unterschiedlicher
Intensität (passiv-unproduktiv, aktiv-produktiv, aktiv-unproduktiv) entsprach den Alzheimer-Kranken ein
aktiv-unproduktiver Arbeitsstil. Sie sind rund um die Uhr beschäftigt, ohne dass sie dadurch auch nur annähernd ihre
Ziele verwirklichen (bzw. sie wieder erlangen). Man könnte es als ein "unermüdliches Bemühen ohne
substantiellen Erfolg" bezeichnen, denn mit Arbeit eingedeckt zu sein, scheint ihr vorrangiges Interesse. Da in
diesem Bemühen Qualität durch Quantität ersetzt wird, könnte man es auch mit "falscher Kompensation"
umschreiben. Psychodynamisch erfolgt ein Ausgleich: was an Qualität mangelt, das wird durch Einsatz, durch Quantität,
wieder gutgemacht. Dies muss nicht immer tatsächlichen Qualitätsmangel bezeichnen, denn eine negative
Qualitätsbilanz kann sich auch aus dem subjektiven Bezugsrahmen der Person ergeben. Das gilt vor allem für das
nächste Beispiel, einen Allgemeinpraktiker. Er wollte ursprünglich unbedingt Radiologe an der Universität werden,
musste diesen Berufswunsch aber aus finanziellen Gründen aufgeben. Dieser Sohn einer strengen Mutter, eines - wie er
sich selbst ausdrückte
- "weiblichen Generals", wurde
schließlich ein manisch arbeitender Allgemeinpraktiker mit riesiger Klientel, der aber auch die Buchhaltung in den
Unternehmungen seiner Frau und seiner Schwester führte. An Wochenenden arbeitet er noch im Garten. Als seine Tochter
ebenfalls eine Arztpraxis eröffnet, übernimmt er auch hier die Kassenabrechnungen. Zu dem Zeitpunkt, da er schon die
Buchhaltung seines Bruder übernehmen wollte, werden die Krankheitssymptome so massiv, dass er die neurologische
Ambulanz aufsucht. Er träumt sehr oft vom Laufen, und sein stehender Satz lautet: "San ma´s? - Geh ma!",
was aus dem Wienerischen übersetzt so viel wie "Bereit? - Los!" bedeutet.
Ein Tiefeninterview ist in seinen Aussagen
naturgemäß beschränkt, aber man darf vermuten, dass sich in dieser Haltung die lebenslange Unterwerfung unter den
"General Mutter" spiegelt. Es handelt sich um einen Lebensstil, der eher von Erfüllungsbereitschaft als von
autonomen Wünschen getragen wird. Nur in der unbewussten Hingabe an die viele (d.h. messbare) Arbeit liegt die
scheinbare Befriedigung der mütterlichen Imperative. Dieses Leben ohne (vom Subjekt konsumierten) Erfolg ist geradezu
prototypisch für chronischen psychischen Stress. Da die Ziele, einerseits die Befriedigung mütterlicher Wünsche und andererseits der ursprünglich angestrebte Beruf, nicht erreicht werden,
etabliert sich ein Teufelskreis aus frustrierendem Bemühen, von uns in den Daten als "aktiv-unproduktives
Verhalten" identifiziert.
Die leitende Fiktion muss auf Kosten
wichtiger anderer Dimensionen erhalten bleiben - wie wir gesehen haben, leidet darunter insbesondere die Arbeit.
Qualität ist aber auch in der Familie kein vorrangiges Ziel. Ein vergleichbares Verhalten findet sich unter den
Kontrollpersonen nicht. Meist haben sie ihre Balance zwischen Familie und Arbeit gefunden. Sie können als
"aktiv-produktiv" bezeichnet werden. Selbst wenn sich dem widrige Umstände entgegenstellen, bauen sie doch
immer wieder erfreuliche Elemente in ihr Leben ein - wie z.B. noch einmal die Kinder in Australien zu besuchen, ein
Instrument zu spielen oder als Laienschauspieler engagiert zu sein. Auch die Arbeit wird von ihnen deutlich mehr unter
qualitativem Gesichtspunkt gesehen, und wenn das einmal nicht möglich ist, dann finden sie z.B. Trost in dem Motto
"Arbeit ist gut fürs Geld, und Geld ist gut für die Familie". Zwei Beispiele aus der Kontrollgruppe mögen
das illustrieren:
Aus Böhmen stammend fühlt sich ein junger
Mann in der österreichischen Schule wegen seiner Sprachschwierigkeiten als Außenseiter. Sein Vater dominiert die
Familie, insbesondere die als schwach erlebte Mutter, auf das brutalste. Er will Lokomotivführer werden, schafft es
aber nur bis zum Mechaniker und wird später Verkäufer. Niemals wies er Arbeit von niedriger Qualität während der
großen Arbeitslosigkeit der 30er Jahre zurück. Er "fraß Arbeit" förmlich. (Bis hierher klingt alles noch
wie eine "Alzheimer-Karriere", nun aber folgt der entscheidende Unterschied.) Arbeit war nämlich immer für
den Erhalt seiner Familie, die er über alles stellte, gedacht. Er liebte seine Frau und war immer stolz auf sie. Er
war auch nicht wirklich irritiert, als sie während einiger Jahre sogar mehr als er verdiente. Eines Tages möchte er
noch Australien besuchen. Wir sehen in diesem Beispiel die altruistische Linie. Er leidet daher nicht an der
Qualitätslosigkeit seiner Arbeit, sie ist ihm nur Mittel zu einem gemeinschaftlich höheren Zweck, der in der
positiven Besetzung seiner Familie liegt und nicht in dem Bestreben, selber hoch hinaus zu kommen. Das trifft auch auf
den nächsten Fall zu. Ein Mann aus der Kontrollgruppe war während seiner Kindheit unter seinen gleichaltrigen
Spielgefährten isoliert und hat so seiner Ansicht nach nie ein ausreichendes Selbstwertgefühl entwickelt. Er nahm
alles hin, wie es kam. Er zahlte viel Lehrgeld, weil er nicht "nein" sagen konnte. Obwohl also seine
Biographie bedrückende Elemente enthält, war er doch gegenüber seinem Schicksal sehr aufmerksam und reflexiv. Auch
er liebte seine Frau, die er in einem Sportclub traf und mit der er mehrtägige Bergwanderungen unternahm (sie verstarb
allerdings früh, so dass auch im späteren Erwachsenenleben ein bedeutsames Life event zu verzeichnen ist). Heute ist
er stolz auf seine zwei erwachsenen Söhne. Familie ist seine erste Priorität. Auch hier also trotz schwieriger
Lebensumstände das Fehlen eines ausgeprägten egozentrischen Bemühens.
So wird auch unsere dritte Hypothese
bestätigt: Alzheimer-Kranke sehen überwiegend nur den quantitativen Aspekt von Arbeit. Er wird als
Kompensationsmittel missbraucht, wodurch jedweder Raum für qualitative Beschäftigungen verloren geht. Das unbewusste
Motiv scheint folgendes zu sein: durch großes Bemühen, viel Aktivität, dauernde Beschäftigung und Hingabe an die
Arbeit an Wert zu gewinnen. Wenn dann dabei gleichzeitig wenig Erfolg herausschaut, entsteht zwangsläufig ein Gefühl
des Versagens und damit ein starker psychischer Stress. Eine Alzheimer-Patientin durfte beispielsweise im Gegensatz zu
ihren Brüdern nicht die Universität besuchen, war dann die explizit zweite Wahl ihres Mannes. Sie arbeitete ihr Leben
lang rund um die Uhr sowohl im Haushalt als auch im Handwerksbetrieb ihres Mannes, der seinerseits mehr den Paterfamilias
abgab - mit eigenen, ausgeprägten Interessen, die er nicht mit seiner Familie teilte. Zuletzt liebte sie es schon,
ihrem Mann bzw. dem Geschäft zu dienen, vielleicht um "durch Demut und Unterwerfung zu siegen" (Adler 1972:
83) - was ganz klar eine Gegenfiktion wäre.
3.4 Das
fehlende Selbstwertgefühl
Die bei späteren Alzheimer-Kranken
auffällige Haltung zur Arbeit wird durch das Fehlen eines wichtigen Persönlichkeitsmerkmals ergänzt. Wir fanden
keine nennenswerten Anzeichen eines stabilen und starken Selbst in ihren Biographien. Die Kontrollpersonen hingegen
waren weitaus fähiger zu starken Äußerungen ihres Willens zu Widerspruch und Selbstbehauptung gewesen, wie z.B. eine Frau, die sich als vierzehnjährige Klosterschülerin der Anordnung der
Nonne widersetzte, sich vor dem Kruzifix zu verbeugen. Ein Akt, der in
keinem der Alzheimer-Protokolle auch nur annähernd so zu finden wäre.
Durch unsere Daten lässt sich nicht
bestimmen, ob es sich dabei um ein falsches, fragmentiertes oder fehlendes Selbst handelt, das gehört in eine andere
Diskussion. Miller (1993) jedenfalls - in einer hochspekulativen, auf unsere Daten bezogen aber wiederum zutreffenden
Arbeit - vermutet bei Alzheimer-Patienten sowohl eine soziale Konditionierung "to be average, (and) middle of the
road", als auch ein extrem ängstliches Verhalten gegenüber Gedächtnismaterial, das diese am Durchschnitt
orientierte Balance bedrohen könnte. Was bleibt, ist ein kleiner Spielraum, in dem sich die Person mit einem falschen
Selbst (fehlenden Selbstwert) bewegt. Ich würde es jedoch, worauf ich noch ausführlicher zurückkomme, ein
ephemer-fragiles Selbst nennen wollen, da es auf einer "Von-Tag-zu-Tag-Basis" mit kompensatorischen Mitteln
immer wieder neu hergestellt werden muss. Da spätere Alzheimer-Kranke weiters unfähig sind, sich gegenüber Angriffen
auf ihre Identität und ihr Selbst zu wehren und Konflikte deshalb meiden (ein wichtiger Befund bei Bauer et al. 1995b,
1998), sind sie à la longue in Pläne und Absichten anderer verstrickt. Vermutlich borgen sie sich durch
Hingabe und Aufopferung eine flüchtige Identität, bilden sich ihr ephemer-fragiles Selbst. Ganz im Gegensatz zu
Antoch, der in seiner Auseinandersetzung mit den Begriffen Schuld und Selbst auf die Gefahr einer Selbstaufgabe
hinweist ("denn ohne Selbstachtung, Selbstliebe, Selbstverantwortung und Selbstbehauptung wäre ein Gefühl, das
alle Werte ausschließlich der Gemeinschaft zuschreibt, ein bloßer Akt der Anpassung und Unterwerfung. Das Individuum
träte nicht in einen selbstinitiierten und selbstverantworteten Austausch mit der sozialen Umwelt ein, indem es seine
Wünsche, Bedürfnisse und Interessen gleichwertig neben die der anderen stellt, sondern wäre vor jedem Austausch- und
Ausgleichsprozess zur Selbsteinschränkung und Selbstverleugnung gezwungen" Antoch (1987: 99)), gehen
Alzheimer-Patienten gerade diese Selbstverleugnung ein und sichern sich dadurch zumindestens eine geborgte Identität,
im Wesentlichen also ein ephemer-fragiles Selbst.
Um ihre defizitäre Situation zu
bewältigen, werden allerdings unterschiedliche Strategien gewählt. Männer bemühen sich um gesellschaftliche
Anerkennung und sind in der Nachbarschaft nicht selten als "helping hand" bekannt. In der Firma leben sie
z.B. nach dem Motto: "Erster am Morgen, Letzter am Abend". Frauen hingegen mutieren eher zu bereitwilligen
Hausfrauen - wobei dieser Euphemismus manchmal angemessener durch "Haussklave" ersetzt werden sollte.
Innerhalb kürzester Zeit waren spätere Alzheimer-Patientinnen mit Hausarbeit, Kindererziehung und eigenem Beruf oder
Mitarbeit im Betrieb des Mannes eingedeckt. Dahinter muss nicht unbedingt ein unterdrückender Partner stehen, ein
persönliches Entgegenkommen ist ebenso denkbar. Dies kann aber durch die Daten nicht beantwortet werden. Im
Durchschnitt neigen die Frauen unserer Studie jedenfalls dazu, von anderen ausgebeutet zu werden, während Männer die
Selbstausbeutung wählen. Beide Strategien dienen gleichermaßen der Errichtung des ephemer-fragilen Selbst. Eine Frau
wurde so zum Spielball der Bedürfnisse anderer. Nachdem sie im Leben herumgestoßen worden war, hat sie zwar einen
Freund, lebt aber bei ihrer Mutter. In ihren Zwanzigern heiratet sie wegen eines Kindes, wurde aber nach einem
"Komplott" ihres Mannes schuldig geschieden, musste die Wohnung räumen - aber vor allem auch den gemeinsamen
Sohn zurücklassen. Als er an Asthma zu leiden beginnt, zieht sie wieder ein, versorgt vor allem das Kind und
akzeptiert gleichzeitig eine mésalliance à trois mit der neuen Freundin ihres Ex-Ehemannes. Wenig später wird
die Freundin schwanger, und so muss sie erneut Kind und Wohnung verlassen. Eine solche Biographie erinnert wieder stark
an Muster, wie sie von Streeck für den sozialen Aufsteiger herausgearbeitet wurden: "Sie erleben sich in der
Beziehung zu anderen Menschen als wirkungslos" (Streeck 1981: 34).
Bei so starken Selbstwertproblemen scheint
es zwangsläufig, dass die ehelichen Beziehungen und Partnerschaften von späteren Alzheimer-Kranken nahezu von Beginn
an aus der Balance sind. Ihre Beziehungen beginnen meist schon mit einer gewissen Auffälligkeit. Während ein
typisches Kennenlernen-Szenario der Kontrollpatienten Kultur-, Unterhaltungs- und Sportveranstaltungen sind, lernen
Alzheimer-Kranke ihre späteren Partner gewissermaßen "unter speziellen Umständen" kennen, häufig werden
außergewöhnliche Situationen genannt. So fand ein Alzheimer-Kranker am Ende des Krieges Unterschlupf im Elternhaus
seiner späteren Frau, eine Alzheimer-Patientin wurde erst geheiratet und als neue Ehefrau akzeptiert, nachdem sie ihre
Gebärfähigkeit bewiesen hatte und damit als "Lieferantin" eines Kindes, womöglich eines männlichen Erben,
in Frage kam. Eine "Frau aus gutem Hause" erhielt ihren Wert ganz einfach in der Rolle des "finanziellen
Rückhalts" für die riskanten und teilweise windigen Geschäfte ihres Mannes. Das Hauptergebnis betrifft aber die
ausgeprägte Dominanz durch den Partner. Spätere Alzheimer-Kranke sind (was wahrscheinlich in Einklang mit ihrem
geringen Selbstwertgefühl steht) auch in ihren Ehen ohne Gestaltungswillen. Sie entwickeln kein qualitatives
Interesse, sondern treiben mit den täglichen Forderungen dahin. Das mag einerseits ein Entgegenkommen des Kranken
darstellen, kann natürlich aber auch aus einem gewissen Dominanzbestreben des Partners stammen. Diese Frage ist durch
die Daten nicht zu lösen. Fest steht jedoch, dass ihre Beziehungen im Vergleich zur Kontrollgruppe eindeutig von den
gesunden Partnern dominiert werden und dass das weit über ein verständliches Maß an fürsorglicher Anteilnahme
hinaus geht. Denkbar sind aber auch aggressive Akte eines selektiven Informationsausschlusses seitens des Partners, wie
aus einer ethnographischen Studie hervorgeht. Präsumptive Alzheimer-Kranke werden Jahre vor Ausbruch der Krankheit von
wichtigen Informationen und damit von der "fortschreitenden Realitätsdefinition" ausgeschlossen. Ihre
Beiträge werden überdies herabgemacht und als krankhaft denunziert. Dies scheint kein unwahrscheinlicher Vorgang,
"verbale Herabsetzung im Vorfeld der Erkrankung" wurde auch von Bauer und seinen Mitarbeitern (Bauer et al.
1995b) gefunden (siehe auch Tab. 2). Mit der Schlussfolgerung "I assert that it is in
families in which a member is excluded from the process of reality construction that symptoms of senile dementia, or
other pathologies, will be promoted" schließt Hansom (1989: 285) den Bogen zur Freiburger Studie.
4. Anmerkungen
zu Sein und Handeln bei Alzheimer-Patienten
Insgesamt ergibt sich ein Bild von
entfremdeten und dominierten Menschen, die nicht in angemessener Weise an den Entscheidungen bezüglich der eigenen und
der gemeinsamen partnerschaftlichen Lebensgestaltung teilnehmen. Das heißt nicht unbedingt, dass sie passive Opfer
sind - eher schon im Rahmen ihres ephemer-fragilen Selbst erlauben sie sich, von anderen ausgebeutet zu werden. Weder
fassen sie im Leben Fuß noch finden sie zu sich selbst. Im Sinne von Erlich und Blatt (1990) sind sie ohne Gewalt und
Kontrolle über die zwei fundamentalen Erlebnismodi des Seins (being) und des Tuns und Handelns (doing). Ähnlich wie
bei Herzpatienten, von denen William Osler schon sagte, dass sie aktiv
sein müssen, nicht einfach nur sein können, sich kompensatorisch also ein "aktives Selbst"
verschreiben, scheinen Alzheimer-Kranke ihrem ephemer-fragilen Selbst ausgeliefert. Sie gelangen zu keiner
einigermaßen befriedigenden "Güte der Übereinstimmung" (Erlich und Blatt, 1990: 1006) mit ihrer Umwelt.
Während sie im Bereich des Tuns/Handelns (ihrem doing) mit kompensatorischem Verhalten in eine folgenlos-erfolglose
berufliche Hektik ausweichen, sind sie im Bereich des Seins (ihrem being) mit der ständigen Bildung und Erhaltung
eines ephemer-fragilen Selbst beschäftigt, weshalb sie sich dem Partner unterwerfen. Neben Distanzierung und Wut wäre
das die dritte Form des Copings, bei der "die betreffende Person von ihrem eigenen vorherrschenden Erlebnismodus
zu demjenigen umschwenken (kann), der ihr vom Objekt 'aufgenötigt' wurde (...)" (Erlich und Blatt 1990: 1006).
Der Grundstein liegt vermutlich in der Kindheit und wirkt sich ein Leben lang auf die Objektbeziehungen aus: "Wenn
daher die Erfahrung des Kindes im Bereich des Seins gestört ist, dürften die wichtigsten Konsequenzen in den
Auswirkungen auf sein Selbstgefühl bestehen und darin zu suchen sein" (Erlich und Blatt 1990: 1011) - womit wir
wieder auf den "weiblichen General" verwiesen werden, der "das Subjekt zu einer Abwehr-Reaktion
(zwingt), statt dass es sich kontinuierlich in seinem Selbst-Sein entfalten kann" (Auchter 1994: 312;
Hervorhebungen im Text). Für Winnicott, auf den sich Auchter beruft, würde das auf ein "falsches Selbst"
hinauslaufen. Erlich und Blatt sehen in zumindest extremen Fällen der Selbstverleugnung und Unterwerfung die Gefahr
der "Entwicklung eines 'falschen Selbst' oder einer 'Als-ob-Persönlichkeit' ". Im Fallbeispiel des Arztes,
dessen Mutter besagter "General" war, sind Erlebnismodi des Kindes vermutlich aber polarisiert worden. Um
dennoch ein bedeutungsvolles Sein und Tun zu gestalten, kompensieren sie sowohl mit einer "aktiven
Unproduktivität" als auch einer Subordination. Die Übereinstimmung mit der Umwelt muss also irgendwie
hergestellt werden, was der Anlass für die Kompensationen und damit die Ursache für den chronischen psychosozialen
Stress sein dürfte. Das gestörte Selbstgefühl wird damit überdeckt. "Dies ist möglich, weil das mangelhaft
entwickelte oder zum Teil verkümmerte Seins-Gefühl kompensatorische Ausweichmöglichkeiten in einer
verstärkten und extensiven Hinwendung zum Bereich des Tuns fand" (Erlich und Blatt 1990: 1011). In anderen
Worten: Die Kompensation ermöglicht den Aufbau eines ephemer-fragilen Selbst.
Dieses typische Muster von
Alzheimer-Kranken taucht auch in literarischen Berichten auf. Marion Roach, die sicher nicht mit der Absicht einer
Ursachenerforschung die Biographie ihrer Mutter, einer Alzheimer-Kranken, verfasst hat, zitiert den folgenden, immer
wieder von ihrer Mutter geäußerten charakteristischen Ausspruch: "Be up, be doing" (Roach 1985). Ihre
Mutter stand immer sehr früh auf und war den Tag über ständig beschäftigt. Es ist mein Eindruck, dass es sich bei
diesem Ausspruch um das unbewusste Verlangen nach einem festen Sein (be up) und erfolgreichen Handeln (be doing)
handelt. Die Person ist sich der beiden Dimensionen nicht sicher und daher intensiv damit beschäftigt, sich mit ihnen
zu arrangieren, um so zumindest ein ephemer-fragiles Selbst zu errichten. Es findet in dem Willen "sich
zusammenzureißen" seinen äußerlich wahrnehmbaren Ausdruck. Einer Variation dieses Thema sind wir bereits im
Motto "San ma`s? - Geh ma!" begegnet. Beide Varianten sind sprachliche Äußerungen, durch die sich die
Person vergewissert, zu sein und etwas zu wollen. Es ist als ob Sein und Tun der verbalen Bekräftigung bedürften und
deshalb magisch dazu aufgerufen werden, der Person zur Verfügung zu stehen. Somit scheint das Leben dieser Menschen
eine Konstuktion, ein künstliches kompensatorisches Gebilde, weshalb ich dem Begriff "Selbst" nicht die
Attribution "falsch", sondern "ephemer-fragil" zugeordnet habe. Es gibt für diese Personen keine
psychische Instanz, kein Selbst, auf das sie sich verlassen können. Nur die ständige Bewegung und die wiederholte
Unterwerfung erzeugen die Gewissheit des subjektiv wertvollen Daseins, die befriedigende Erlebnisweise des "doing"
und des "being". Es kommt beim Alzheimer-Kranken aber trotzdem immer nur zur monomanen Beschäftigung mit
Gleichgültigem und Entfremdetem - eben zur Als-ob-Beziehung. Nicht die Liebe zur Arbeit erzeugt die Handlungen,
sondern der existentielle Zwang, ohne sie nichts zu sein und auch nichts zu werden. Weder in der Vergangenheit noch in
der Gegenwart noch in der Zukunft liegt Sicherheit. Es ist wie ein Wehren gegen das Verlöschen - so wie es bei
Hölderlin steht: "Es gibt ein Vergessen allen Daseins, ein Verstummen unsres Wesens, wo uns ist, als hätten wir
alles gefunden. Es gibt ein Verstummen, ein Vergessen allen Daseins, wo uns ist, als hätten wir alles verloren, eine
Nacht unsrer Seele, wo kein Schimmer eines Sterns, wo nicht einmal ein faules Holz uns leuchtet" (Hölderlin,
Hyperion, 1961: 46). Gegen dieses Verlöschen kämpfen sie an mit ihrem ephemer-fragilen Selbst, das nur als
kompensatorisches überlebt.
5. Schlussfolgerungen
Psychoanalytischen Einzelfallstudien
mangelt die empirische Repräsentanz. Empirischen Studien fehlt wiederum die empathische Durchdringung und Tiefe.
Dieses Dilemma ist nicht aufzulösen. Ich habe versucht, beiden Betrachtungen gerecht zu werden. Die Arbeit an der
Wiener Alzheimer-Studie wurde zu einem Zeitpunkt aufgenommen, als die Vorstellung einer nur irgendwie
"psychosomatischen" Dimenson der Alzheimer-Krankheit Anathema war. Für diesen Mut danke ich meinen damaligen
Mitarbeiterinnen und Kollegen, mit denen auch die Hauptarbeit publiziert wurde (Kropiunigg et al.) Für die Relevanz
unserer Ergebnisse sprechen aber mittlerweile auch Resultate aus einer zeitgleich ausgeführten Studie von Bauer und
Mitarbeitern (1995b). Sie fanden verblüffend ähnliche Ergebnisse. Im Vergleich zu Vaskulär-Dementen sind nach ihren
Untersuchungen Alzheimer-Kranke zwar gesellig, sonst aber konfliktvermeidend, unterordnend, arbeitsüberlastet und es
mangelt ihnen an einer bedeutsamen beruflichen Motivation sowie der Fähigkeit, sich in der Partnerschaft
durchzusetzen. Lediglich bezüglich der Geselligkeit fand sich keine Übereinstimmung. In der Tabelle 2 findet sich
eine Gegenüberstellung der einzelnen Kategorien aus beiden Studien.
Ein im Zusammenhang mit Psychotherapie von
Bauer (1997) publiziertes Fallbeispiel umreißt ebenfalls in ziemlicher Deutlichkeit das typische Muster der
Alzheimer-Kranken. Er berichtet von einem Patienten, dessen Mutter religiös und bestimmend, der Vater von herzlichem
Gemüt war. Zunächst Lehrling, studiert er später und wird Erwachsenenbildner. Trotz Unstimmigkeiten heiratet er
seine langjährige Freundin. Als ein Kollege zu seinem Vorgesetzten wird, zieht er sich zurück. Bald kann er
Gesprächen kaum noch folgen und Notizen aus Telefonaten mit dem Vorgesetzten hinterher nicht mehr entziffern. Als
seine Frau zur Vermittlerin wird und mit dem Vorgesetzten über ihn wie von einem Problemkind spricht, kommt es zur
totalen beruflichen Resignation. Ständig schaut er sich nach "neuem Beginn" um (Dimension des Tuns;
Restaurierung des ephemer-fragilen Selbst), doch die Überfürsorge seiner Frau steht seinem Bedürfnis nach Delegation
von Arbeiten, die er selbst recht gut erledigen könnte, diametral entgegen (Dimension des Seins; Bedrohung des
Selbst).
Bauers Einzelfallbeschreibung spiegelt die
zentralen Aspekte seiner und unserer empirischen Ergebnisse wider. Wir lernen daraus, dass ein Leben mit der
beschriebenen Dynamik psychisch induzierten Stress von erheblichem Ausmaß produziert. Unsere Kenntnisse über
psychosozialen Stress und seine Auswirkungen auf die Körpersysteme reichen aber nicht aus, um mit Sicherheit einen
kausalen Zusammenhang zu behaupten. Wer psychoanalytisch arbeitet, wird das - wie beispielsweise beim posttraumatischen
Stresssyndrom - anders sehen, aber man muss sich natürlich immer auch der Kontrolle durch empirische Arbeiten stellen.
Insofern ist die psychotherapeutische Arbeit von Bauer vorbildlich realistisch. Er schränkte seine
Behandlungsabsichten auf Motivation und Aktivierung kognitiver Bereiche und des Verhaltens ein, die vom Patienten als
ungenützte Ressourcen erkannt werden sollen. Psychotherapie in den frühen Stadien der Krankheit sollte sich nach
Bauer auf den Motivations-und Bedeutungsverlust beschränken und den Patienten aus seinem "dissoziativen Coping"
lösen. Man könnte es auch ein Training in gesunder Kompensation, durch das aus dem Minderwertigkeitskomplex
herausgeführt würde, nennen. Auf diesem Weg befinden sich freilich kompliziert angelegte Blockaden, wie die von Bauer
berichteten. In seinem Patienten befindet sich "ein Zwerg, der (dem Patienten) aufträgt, nichts zu wissen, wo er
doch was weiß". Ähnliches hat übrigens Miller mit der Sentenz: "not stick your neck out by looking like
you know too much" (Miller 1993: 75) ausgedrückt und es als ein möglichst defensives Motiv von
Alzheimer-Patienten bezeichnet, weil das Gewusste für sie zu konfliktträchtig sein könnte (Miller spricht von "fear
to recall"). Letztlich
handle es sich dabei aber um Prozesse der Homöostase: "Physically and psychologically, consciously and
unconsciously, (memory) is a governing part of a feedback process serving the needs and purposes of continuity and
balance; therefore, memory is part of the homeostasis that sustains and promotes the survival of live in all its
variety of forms" (Miller 1993: 73).
Vermutlich ohne jegliche Absicht
hinsichtlich einer biographischen Ausdeutung verfasst, stellt eine Falldarstellung bei Bayer-Feldmann und Greifenhagen
(1995) eine weitere Bestätigung unserer Thesen dar. In ihrer Absicht liegt die Betreuung der Angehörigen von
Alzheimer-Kranken. Dennoch enthält eines der beiden Beispiele aus ihren Gruppensitzungen unverwechselbare
Charakteristika unserer Ergebnisse, wie z.B. "Verantwortung abgeben", "Bevormundung" und
"problematische Paarbeziehung".
Was lässt sich aus all diesen Ergebnissen
ableiten? Für die Zukunft könnten vor allem biographische Muster, wenn sie sich erhärten lassen, als Risikofaktoren
genannt werden und uns sensibler für gesundheitsgefährdendes Verhalten machen. Durch eine gezielte
Gesundheitsaufklärung könnten wir lernen, die somatischen Gefahren psychischen Verhaltens besser zu kontrollieren.
Dies zumindest dort, wo der Stresseinfluss über die Stimulation und den Druck zur "Reorganisation im
Gehirn", wie das Huether et al. (1996: 121) sehen, hinausgeht und unumkehrbaren Schaden zufügt.
Anmerkungen:
1. Die Arbeit wurde durch den
Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, Projekt Nr. 4325,
gefördert. Mitarbeiter der an anderer Stelle mit den empirischen Ergebnissen publizierten Arbeit waren P. Dal-Bianco,
A. Leonhardsberger, M. Schemper und K. Sebek.
2. Für kritische Durchsicht früherer
Fassungen und vielfältige Anregungen danke ich besonders Joachim Bauer, Freiburg, Richard Cook, Chicago, Kim Marvel,
Ft.Collins and Gernot Sonneck, Wien.
(Anmerkung hier im Internet: Die Tabellen
sind aus technischen Gründen nicht eingefügt.)
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Univ.-Prof. Dr. Ulrich Kropiunigg
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Severingasse 9 A-1090 Wien |